Experten-Beiträge: "Der richtige Arzt oder Klinik sind entscheidend"

Darmkrebs ist heilbar

Ein Gastbeitrag von Prof. Dr. med. Hans-Rudolf Raab
(Direktor der Universitätsklinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Klinikum Oldenburg)

Darmkrebs ist heilbar. In frühen Stadien ist die Wahrscheinlichkeit, dass man geheilt werden kann, sehr hoch. In fortgeschrittenen Stadien wird dies naturgemäß zwar schlechter. Im Gegensatz zu vielen anderen Tumorarten besteht bei Dickdarm- und Enddarmkrebs aber sogar dann eine Chance auf Heilung, wenn sich schon Metastasen gebildet haben, z.B. in der Leber.

Das Tumorstadium ist der wichtigste Faktor für die Prognose. Es lässt sich aber nur im Vorfeld beeinflussen, nämlich durch die Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen. Ist der Krebs diagnostiziert und muss operiert werden, dann ist der individuelle Chirurg der entscheidende Prognosefaktor. Es ist also nicht egal, wie eine Darmkrebsoperation ausgeführt wird und wer die Operation durchführt. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen große Unterschiede zwischen den Ergebnissen verschiedener Krankenhäuser und verschiedener Operateure.

Wie findet man aber nun die richtige Klinik und den richtigen Operateur? Leider gibt es dafür kein Patentrezept. Die Tatsache, dass eine Klinik ein zertifiziertes Darmzentrum ist, sagt für sich genommen noch nicht viel. Vielen Darmzentren fehlt zum Beispiel ein wirklicher Spezialist für Leberchirurgie, der kompetent beurteilen kann, ob Metastasen resektabel sind oder nicht. Gerade in komplexen und fortgeschrittenen Situationen kann es daher von größter Wichtigkeit sein zwei oder auch mehr Meinungen einzuholen. Das gilt nicht nur für die Überlebenschancen sondern auch für andere Fragen, wie die Möglichkeiten des Schließmuskelerhaltes bei Enddarmkrebs (Rektumkarzinom) oder die postoperative Blasen- und Sexualfunktion.

Zu der Frage, an welche Klinik oder welchen Spezialisten man sich dazu wenden sollte, kann man sich Rat sowohl von Ärzten als auch von Betroffenen einholen. Wenn man Listen der "besten Ärzte" als Quelle nutzt, gilt, dass in seriösen Publikationen sicher durchweg gute Qualität vertreten ist, dass aber andererseits ein Chirurg nicht deshalb schlecht sein muss, weil er in der Liste nicht verzeichnet ist. Für die Gespräche mit den ausgewählten Ärzten sollte man sich einen Katalog von Fragen zurechtlegen, die man möglichst allen stellt, mit denen man spricht. Aufgrund solcher Gespräche wird man sehr schnell ein Gefühl bekommen, wo man am besten aufgehoben ist.

Zeit ist dabei ein untergeordnetes Problem. Wenn ein Darmkrebs diagnostiziert wird, ist er meist schon mehrere Jahre da. Diese Tumore wachsen also langsam. Der Druck, den man vielleicht verspürt, dass sehr schnell operiert werden muss, ist in erster Linie psychologisch verursacht. In der Sache kommt es ganz sicher auf ein paar Wochen nicht an.

Um alle Chancen bestmöglich nutzen zu können, ist es neben der Auswahl des Chirurgen auch das gesamte Team wichtig. Krankenhäuser ohne eine Tumorkonferenz (bzw. ein sog. "Tumorboard") können von vorneherein aussortiert werden. Tumorkonferenzen sind heute ein selbstverständlicher Standard. In schwierigen Situationen werden dort interdisziplinär gemeinsame Empfehlungen zur Gesamtbehandlung gegeben, z.B. zuerst operieren oder zuerst Chemotherapie mit Bestrahlung etc. Wie das Vorhandensein eines zertifizierten Darmzentrums ist aber auch die Existenz einer Tumorkonferenz für sich genommen leider noch kein Garant für ausreichende Kompetenz. Bevor man sich in die Hände einer Klinik begibt, sollte man also nicht nur den Chirurgen genau anschauen sondern auch die Kompetenz und das Renommee der Partner aus den anderen Fächern kritisch überprüfen. Das gilt besonders für die Kerndisziplinen Internistische Onkologie und Gastroenterologie.

Im Rahmen der Gesamtbehandlung kann auch dann, wenn bei der Operation aller Tumor entfernt wurde, eine Nachbehandlung empfehlenswert sein. Dabei kommt nicht nur Chemotherapie zum Einsatz sonder auch neue Medikamente wie Antikörper. In manchen Fällen ist noch vor einer Operation eine solche Behandlung indiziert, ggf. auch unter Einschluss einer Bestrahlung. Wie die Operation sind auch solche Behandlungen nicht nach einfachen Rezepten von jedem Arzt durchzuführen. Vielmehr muss schon zu Beginn die individuell richtige Auswahl an Medikamenten in der richtigen aufeinander abgestimmten Dosierung erfolgen. Im weiteren Verlauf müssen Dosierung oder ganze Schemata dann im Lichte der Entwicklung des Leidens oder der Nebenwirkungen flexibel angepasst werden. Das erfordert viel Erfahrung sowie natürlich auch die Kenntnis aller Möglichkeiten einschließlich neuer Studiendaten.

Nach einer erfolgreichen Operation, mit oder ohne Vor- und/oder Nachbehandlung, ist eine Tumornachsorge angezeigt. In vielen Fällen bestätigt sich dabei im Laufe der Zeit die endgültige Heilung des Leidens. Es kann aber auch vorkommen, deshalb werden diese Untersuchungen ja durchgeführt, dass ein neues Tumorwachstum festgestellt werden muss, am alten Ort als sogenanntes Lokalrezidiv oder als Absiedlungen (Metastasen) in anderen Organen, besonders Leber und Lunge. Sogar bei solchen Tumor-Rückfällen ist noch Heilung möglich. Hier gilt das oben für die primären Fälle Gesagte allerdings noch viel mehr: Lokalrezidive und/oder Metastasen müssen von ausgewiesenen Spezialisten bzw. einem Spezialisten-Team beraten und behandelt werden. Die Einholung einer zweiten oder dritten Meinung kann lebensrettend sein.

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